Johann Andreas Eisenbarth

Eisenbarth-Kupferstich

Johann Andreas Eisenbarth. Wer kennt nicht das Lied: "Ich bin der Doktor Eisenbarth, kurier die Leut' nach meiner Art..."? Das Lied hat die Erinnerung an Eisenbarth durch die Jahrhunderte wachgehalten und viel zu seiner Volkstümlichkeit beigetragen.

 

Deutschland ist reich an berühmten Persönlichkeiten. Sieht man von jenen ab, die sich religiöse oder militärische Verdienste erworben haben, überrascht die Tatsache, daß von den bekannten Vertretern des Volkes nur wenige nach ihrem Tode wirklich volkstümlich geblieben sind. Der Rattenfänger von Hameln, Till Eulenspiegel, Baron von Münchhausen, Störtebecker und... Eisenbarth gehören zu den wenigen, die das Volk liebt, mit denen sich Schriftsteller, Dichter, Komponisten und bildende Künstler befassen. In der Reihe dieser großen, wirklich volkstümlichen Deutschen ist Eisenbarth der einzige Oberpfälzer.

Nach dem Liede war Eisenbarth ein Kurpfuscher, der mit seinen rauhen Kuren vielen Patienten vorzeitigen Tod brachte, ein gewinnsüchtiger Prahlhans, der wegen seines Nichtskönnens hinter Schloß und Riegel gehört hätte. Das Volk glaubte daher lange, Eisenbarth habe nie gelebt und hielt ihn für eine dichterische Sagengestalt. Sie wurde in eine geschichtliche Persönlichkeit zurück verwandelt, als im Jahre 1837 auf dem Friedhof in Hannoversch Münden der Grabstein Eisenbarths gefunden wurde. Auf ihm halten zwei Putten das Wappen Eisenbarths und krönen folgende Inschrift:

 

"Alhir ruhet in Gott der weiland hochedle, hocherfahrne weltberühmte Herr, Herr Joh. Andreas Eisenbart Königl. Grosbritannischer und Churfürstl. Braunschw. Lüneb. ·brivilegirte Landarzt wie auch Königl. Breussischer Raht und Hofoculiste, von Magdeborg. Getbohrn Anno 1661 Gestorben 1727 d. 11. Novembr. Aetatis 66 Jahr".

 

Die vielen Ehrentitel und Privilegien, von denen der Grabstein berichtet, hätten eigentlich genügen sollen, um den schlechten Ruf Eisenbarths nach dem Spottlied zu beseitigen. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeigten sich Ansätze einer wissenschaftlichen Quellenforschung über Eisenbarth. Sie brachte die Feststellung, daß Eisenbarth ein besonders tüchtiger Wundarzt war, der vielen Kranken geholfen hat. Sehr viele Tatsachen aus seinem Leben waren damals noch nicht bekannt. Es bestand sogar noch Ungewißheit über seinen Geburtsort. In Anlehnung an den Text des Grabsteins vermutete man zunächst Magdeburg, später, nach Auffinden von Flugblättern Eisenbarths, in denen Viechtach (Fichtag) als Heimatort angegeben war, Viechtach (Niederbayern) als Geburtsort. 1927 erschien aus Anlaß der 200. Wiederkehr seines Todestages ein Zeitungsartikel, in dem Oberviechtach als Geburtsort Eisenbarths genannt wurde. In Oberviechtach wurde das bekannt, nicht aber die Herkunft der Unterlagen, mit denen das hätte bewiesen werden können. Das Taufbuch, in dem die Taufe beurkundet wurde, war nicht mehr vorhanden. Der Genealage Josef Wopper aus Weiden fand schließlich die richtige Spur, eine unbeglaubigte Abschrift von Eisenbarths Taufmatrikel in den Akten des Staatsarchivs Altenburg in Thüringen. Er schrieb darüber in der ,,Oberpfalz" (1959, S. 12 bis 16; 35 bis 37). Die Stadt Oberviechtach beschaffte sich auf Veranlassung des jetzigen 1. Bürgermeisters Neuber (Anm. d Red.: zu der Zeit als der Artikel erschien,war der Vater des jetzigen Bürgermeisters Georg Neuber im Amt) Fotokopien des Taufscheins und des gesamten Inhalts der Altenburger Akten, die angelegt worden waren, als Eisenbarth beim Herzog Friedrich I. in Altenburg ein Privileg zur Ausübung der selbständigen Tätigkeit als Wundarzt in Altenburg beantragt hatte.

 

Der Taufschein hat folgenden Wortlaut:

 

"Eisenbarth. Daß Hannß Andreas von ehrl. Christl. Catholischen Eltern, dem Ehrenvesten und Kunstreichen, Herrn Mathia Eisenbarthen, Bürgern, Oculist, Stein- und Bruchschneidern alhier., zu Obern Vietach, Dann auch seiner ehel. Haußfrauen, Maria Magdalena, Gebohrene.. und von dem Wohl Ehrenvesten und wohlgelehrten, Herrn Johann Spengler, damahligen Pfarrer unter außgelegter Hand der 3. Herrn Gevattern, alß des Wohl Edel Gebohrnen und Gestrengen, Herrn Andresen Wilhelmen von Satzenhoff auf Mießbach und Guetenfürst, des Ehrenvesten und Wohlweisen, Herrn Andreas Schnabels, Raths Bürgern alhier, dann auch des Ehrenvesten und Wohlvornehmen, Herrn Johann Schwertführers, Richters zu Tiefenbach Anno 1663, im Monat Martij den 27. nach Christl. Cathol. Brauch in alhiesiger Pfarrkirchen S. Johannis Baptistae alda zu besagten Obern Viehtach ·getaufft worden, wird Crafft dieß von eichen unterschriebener Handschrift und aufgedrückter gewöhnlichen Petschafft hiermit attestiret und bezeiget. Geben Obern Vietach, am 11. Aug. 1678. M. Johann Wollher Pfarrer."

 

Das Bischöfliche Ordinariat in Regensburg bestätigte in einer förmlichen Urkunde vom 27. März 1963, daß die in der Abschrift des Taufscheins genannten Pfarrer Spenger und Wolherr in den angegebenen Jahren in Oberviechtach amtiert haben. Eisenbarth wurde demnach am 27. März 1663 in Oberviechtach geboren. Das auf dem Grabstein angegebene Geburtsjahr ist falsch; Eisenbarth wurde 1663, nicht 1661, geboren.

 

Der Vater Mathias Eisenbarth war Oculist (Augenarzt), Bruch- und Steinschneider, also Wundarzt, in Oberviechtach. Er mußte seinen Beruf als Wanderarzt ausüben, um genug zu verdienen. Der junge Eisenbarth blieb 10 Jahre in Oberviechtach und besuchte hier auch die Schule. Dann kam er zu seinem Schwager Biller in Bamberg und erlernte bei ihm das Handwerk seines Vaters. Diese Tatsachen ergeben sich aus dem Gesuch Eisenbarths um ein Privileg. Diese Eingabe enthält seinen ausführlichen Lebenslauf.

 

Die Wundärzte standen damals beruflich etwa in der Mitte zwischen Handwerkern und studierten Ärzten. Akademische Ärzte nahmen selbst keine Eingriffe am menschlichen Körper vor. Auf diesem Gebiet wurden Wundärzte tätig. Nach abgeschlossener handwerklicher Lehre legten die künftigen Wundärzte vor Innungsmeistern die Gesellenprüfung ab. Zur selbständigen Ausübung des Berufs war noch ein Privileg des Landesherrn nötig. In der Regel wurde das erst nach einer Prüfung des Bewerbers durch ein Medizinalkollegium studierter Ärzte gewährt. Der Bericht vom 29. Juli 1686, den die akademischen Ärzte über Eisenbarths Prüfung in Altenburg erstellt hatten, ist erhalten. In ihm wird bescheinigt, daß Eisenbarth ,,von Ober Viechta bürtig" war.

 

Die Ärzte versuchten schon damals mit allen Mitteln Eisenbarths Privileg zu hintertreiben, weil sie eine Schmälerung ihrer Einkünfte befürchteten. In Altenburg wurde, wie die vom Fürsten veranlaßten Erhebungen ergaben, ein tüchtiger Wundarzt benötigt. Da sich Eisenbarth als geschickt und kenntnisreich erwies, auch eine Anzahl erfolgreicher Behandlungen nachweisen konnte, ferner die Auskünfte über ihn günstig lauteten, erhielt er sein Privileg. Damit begann eine Laufbahn ohnegleichen, wie sie die kühnste Phantasie eines Dichters nicht bunter und bewegter hätte erfinden können, begann ein abenteuerliches Leben, das Eisenbarth auf seinen Reisen durch ganz Deutschland volkstümlich machte, ihm Ruhm, Ehren und Wahlstand eintrug; er wurde zum bekanntesten und berühmtesten Arzt, der je über die deutschen Straßen zog.

 

Heute ist sein Wirken in mehr als 100 Orten nachweisbar. Bisher sind 11 Privilegien nachgewiesen, die ihm erteilt wurden. In der Regel mußte sich Eisenbarth vor jedem weiteren Privileg einer erneuten Prüfung vor einem Ärztekollegium unterziehen. Von weltlichen und geistlichen Fürsten wurde er mit Auszeichnungen, Titeln und Ehren überhäuft. Immer wieder konnte er auf Anerkennungsschreiben hochgestellter Persönlichkeiten und auf eine erstaunlich hohe Zahl erfolgreicher Operationen hinweisen.

 

Um sich im Lebenskampf zu behaupten, mußte er seine Wettbewerber durch übersteigerte, großsprecherische Anpreisungen und ein übertriebenes Auftreten übertrumpfen. Auf diesem Gebiet wurde er unübertroffener Meister, ein deutscher König der Werbung. In seiner Glanzzeit führte er 120 uniformierte Bedienstete und die benötigten zahlreichen Fahrzeuge mit sich. Er reiste mit fürstlichem Prunk. Sein Kommen kündigte er in Flugblättern und Zeitungsanzeigen an. Ausrufer priesen seine beispiellosen, erfolgreichen Operationen, Heilungen und Arzneien, verlasen Anerkennungsschreiben und Privilegienbriefe. Trommelwirbel und Trompeten erklangen und ließen die Leute auf den Märkten zusammenlaufen. Wenn die Erwartung auf dem Höhepunkt war, erschien Eisenbarth in prunkvoller Karosse, kostbar gewandet, mit langer Allongeperücke, in der Hand den Ärztestab, und stellte sich der wartenden Menge vor: "Ich bin der berühmte Eisenbarth!". Dann begann eine große Schau. Er ließ Feuerspeier, Degenschlucker, Schlangenbeschwörer, schöne Frauen, aber auch Neger auftreten, die mit ihren Späßen das Volk belustigten. Er zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich und brachte seine Wettbewerber, denen die Leute davongelaufen waren, in Wut und Verzweiflung. Am meisten verübelten sie ihm wohl, daß er bei aller Großsprecherei wirklich etwas konnte, daß er ein hervorragender Wundarzt war. Er arbeitete geschickt und sehr schnell, so daß sachkundige Zeugen verblüfft waren. Mit einfachen, aber zweckmäßigen Mitteln erzielte er gute Erfolge. Er operierte im Krankenwagen oder im Zelt, ohne Narkose, wie wir sie heute kennen. Laute Musik lenkte von dem bevorstehenden Eingriff ab und übertönte etwaige Schmerzensschreie der Patienten. Arme behandelte er umsonst. Dafür nahm er reichen Kranken möglichst viel ab.

 

Die Wurzeln des Spottliedes sind womöglich im Neid seiner weniger erfolgreichen Kollegen zu suchen. Bei den vielen Operationen blieb der finanzielle Erfolg nicht aus. 1703 erwarb Eisenbarth in Magdeburg das große Haus ,,Zum güldenen Apfel" und machte es zu seinem Standquartier. Heute steht auf dem Grundstück das Haus des Rates der Stadt Magdeburg. 1716 ließ der König von Preußen Eisenbarth nach Stargard rufen, um dort seinen Oberstleutnant v. Grävenitz am Auge zu operieren. Der König von Preußen, der im allgemeinen auf die Ärzte nicht sonderlich gut zu sprechen war, wird sich für seinen geschätzten Offizier sicher keinen Stümper sondern den nach seiner Meinung tüchtigsten Chirurgen seiner Zeit geholt haben. Und das war Eisenbarth. Eisenbarth wurde dann königlich preußischer Rat. 1727 kam Eisenbarth nach Hannoversch Münden. Hier setzte der Tod seinem Wirken ein Ende.

 

Das Spottlied und sein prahlerisches Auftreten hatten Eisenbarth den Ruf eines Kurpfuschers eingetragen. Sein Name wurde unverdient zum Sinnbild für rauhe Kuren mit schlechtem Ausgang. Die uns überlieferten Tatsachen aber sprechen eine andere Sprache. Eisenbarth war ein Könner in seinem Beruf, ein Arzt, der seiner Zeit voraus war und vielen Kranken geholfen hat. Seine kühnen Operationen erregten Aufsehen bei den Zeitgenossen. Er war audi ein Schalk, der sich geschickt die Gunst der Menge zu erringen wußte.

 

In Oberviechtach wurde 1963 die 300. Wiederkehr seines Geburtstages feierlich begangen und bei dieser Gelegenheit in Gegenwart vieler prominenter Gäste aus ganz Deutschland der Deutsche Doktor-Eisenbarth-Arbeitskreis mit dem Sitz in Oberviechtach gegründet. Dem Arbeitskreis gehören nahezu alle Schriftsteller und Wissenschaftler an, die sich maßgebend mit der Person Eisenbarths befaßt haben. In Zusammenarbeit mit der Eisenbarth-Sammlung des Stadtarchivs Oberviechtach sucht der Arbeitskreis das geistige Erbe Eisenbarths zu wahren und seinen Ruf wiederherzustellen.

 

Der Arbeitskreis befaßt sich auch mit der Genealogie der Sippe Eisenbarth. Bis ins 11. Jahrhundert zurückgehend konnten viele hundert Träger des Namens Eisenbarth ermittelt werden. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung sieht es so aus, als ob alle Träger des Namens zu einer großen Familie gehören; denn bis jetzt können die Vorfahren aller Ahnen auf Linien zurückgeführt werden, die im schwäbischen Raum beginnen. Manche Angehörigen der Sippe besuchten bereits Oberviechtach, um im Archiv mehr über die verwandtschaftliche Beziehungen und über den großen Wundarzt aus Oberviechtach zu erfahren. Oberviechtach ist ganz von selbst zur neuen, geistigen Sippenheimat der großen Eisenbarth-Familie geworden. Die Stadt und alle Eisenbarthfreunde werden alles tun, damit sich jeder Eisenbarth in Oberviechtach wirklich heimisch und als Mitglied einer großen Familie fühlt.